"Figuration von Vier Frauen" von Dr. Kornelia Möhlig
Die Ausstellung trägt den poetischen Titel "Figuration von Vier
Frauen“.
Wie durch die Alliteration verknüpften Worte verbindet die figurative
Malerei die vier Künstlerinnen. Darunter ist im Gegensatz zur
abstrakten Kunst eine gegenstandsbezogene Darstellungsweise gemeint.
Warum gerade Vier? Weil Frau Peveling nicht für halbe Sachen ist.
Denn die Vier symbolisiert die Ganzheit. Auf die Künstlerinnen bezogen,
hebt diese Zahl ihre unterschiedlichen Temperamente hervor.
Und tatsächlich sieht sich der Betrachter vollkommen unterschiedlichen
Bild- Ergebnissen gegenüber.
Mir erscheinen die persönlich geprägten Bildwelten aufgrund der
verschiedenen Positionen fast wie ein Gang durch die Geschichte der
Malerei:
Die Figuren von Johanna Koch erinnern mit ihrem zeichenhaften Charakter
an archaisch- mystische Gestalten aus Vorzeiten;
Eine oft verwendete Kompositionsform von Kirsten Lampert ist einem
Schmuckelement des Barock entlehnt;
Annette Kunow erzählt in ihren Bildern mit einfachen Stilmitteln
zeitgenössische Geschichten und
Mit ihrem spontanen Malprozess macht Gonnie van Nellestijn die Malerei
selbst zum Thema.
Johanna Koch
Feinen Sand als Gestaltungsmittel ihrer Bilder zu verwenden,
entwickelte Johanna Koch während eines Strandurlaubs. Aus mehreren
Sand- Schichten kratzt sie Figuren und Binnenlinien heraus. Auf
weißlichem Grund entstehen einfarbige Gestalten, was an antike
Vasenbilder erinnert. Wie bei diesen fehlen räumliche Angaben, so dass
der Eindruck von zeitlosen Darstellungen erweckt wird.
Die menschlichen Gestalten füllen die gesamte Bildfläche. Sie sind
frontal angeordnet wirken flächig. Ein Merkmal der Figuren ist ihre
Nacktheit, die hier Ursprünglichkeit und Natürlichkeit zum Ausdruck
bringt Charakteristisch für sie sind ihre lang gestreckten Körper.
Dadurch entsteht die Vorstellung von Geistwesen.
In ihrer Einfachheit scheinen sie dem Betrachter die Botschaft zu
übermitteln, nach Klarheit und Weisheit zu suchen.
Die Stellung, in der sich die Wesen zeigen, ist stehend, tanzend
oder schwebend. Sie sind in Erdgebundenheit, aber auch in Überwindung
physischer Existenz dargestellt. Die Figuren können also als Chiffren
für etwas Anderes gelesen werden:
Aufgrund der Vereinfachung der Formen und der Reduzierung des
Kolorits erreicht Johanna Koch eine Konzentration auf Wesentliches, wie
ich meine, auf den Dualismus der Welt. Es steht sich Wesenhaftes und
Symbolisches, Geistiges und Körperliches gegenüber.
Annette Kunow
Seit ihrer Kindheit begleiten Annette Kunow Zeichnungen als
Zwiegespräch. Längst hat sich der Bogen ihrer künstlerischen
Ausdrucksmöglichkeiten weiter gespannt, doch die Zwiesprache ist
geblieben.
Die Arbeiten beschäftigen sich ausschließlich mit dem Thema Mensch.
Annette Kunow ist es in ein Anliegen, auf die Verletzbarkeit der Seele
hinzuweisen. Dies manifestiert sich in ihren Bildern durch farbige,
vibrierende, gebrochene und durchscheinende Farbflächen.
Die Kompositionen werden von individuellen Wesen bevölkert, bei
denen im Besonderen Augen und Mund hervorgehoben sind. Sie verleihen
den Gesichtern einen spezifischen mimischen und seelischen Ausdruck.
Durch die Staffelung der Figuren entsteht eine Bühne: Es werden
Geschichten erzählt. Der Betrachter kann den Titel zur Hilfe nehmen
oder selbst in die Rolle des Regisseurs schlüpfen. Die Figuren stellen
sich auf ihn ein.
Kirsten Lampert
Ihren Motivreichtum schöpft Kirsten Lampert aus unterschiedlichen
Quellen. Wie in einem Kaleidoskop tauchen in ihren Arbeiten Figuren und
Details auf, die aus ihrer durch Märchen und Sagen geprägten Fantasie
und aus den Bildwelten mittelalterlicher Fresken aus Italien entstanden
sind. Hinzu kommen eigene Erlebnisse.
Daraus entsteht ein poetisches Spiel, das sich aus
unterschiedlichen Zeiten und Orten, aus realem und Unwirklichem
zusammensetzt. Ihre Arbeiten charakterisieren Erzählfreude und eine
starke Bildhaftigkeit.
Als Kompositionsschema hinterlegt die Künstlerin ihren Bildern
oftmals die Kartusche, ein beliebtes Schmuckelement der Barockzeit Auf
ihre Gemälde übertragen bedeutet das, dass sich ihre Figuren am
Bildrand entlang um eine "freie" Fläche in der Mitte bewegen. Außerdem
greift sie gerne auf friesartige Kompositionen zurück.
Kirsten Lampert entwickelt ihre Werke aus verschiedenen Bildebenen wie
unterschiedlichen Erzähl- "Schichten".
Die Farben setzt die Künstlerin nicht in der Weise ein, wie wir es
gewohnt sind. Zwar kennzeichnen sie den Gegenstand, doch sagen sie
nichts über seine Materialität aus. Die Künstlerin bezeichnet
demzufolge nicht unsere physische Welt. Vielmehr fühlen wir in eine
traumgleiche Bildwelt versetzt Denn ohne Schatten strahlen die Farben
gleichmäßiges Licht und Helligkeit aus.
Gonnie van Nellestijn
Gonnie van Nellestijn schöpft ihre Bildfindungen vollkommen aus
sich heraus. Sie horcht in sich hinein und der Malprozess erfolgt dann
aus spontaner Intuition. Auf diese Weise entstehen Flächen, die sich im
Laufe der Zeit zu Gegenständen und Figuren formieren. Mit dunkleren
Farben zieht die Künstlerin Linien über Farbflächen, die
Gegenständliches hervorheben und der Komposition einen Halt geben.
Bei der Darstellung menschlicher Figuren achtet die Künstlerin
weniger auf die Ausarbeitung des Körpers. Mehr Wert legt Gonnie van
Nellestijn auf den Kopf als individuellen Ausdrucksträger.
Der Reiz ihrer Bilder besteht nach meiner Meinung in der Suche des
Auges nach gegenständlichen Motiven, da sich die Arbeiten in einem
Schwebezustand zwischen Abstraktion und Figürlichem befinden. Aufgrund
des Farbkolorits sprühen die Kompositionen vor Vitalität und erinnern
an expressionistische Malerei.
Gonnie van Nellestijn sucht mit ihren Bildern nach einer Integration
von Kunst und Leben.
Ich möchte mit einem Zitat (Worringer, 1912) schließen, das meiner
Ansicht nach auf die vorliegenden künstlerischen Arbeiten besonders
zutrifft:
"Künstlerisches Schaffen heißt, dem Leben und seiner Willkür
ausweichen, heißt ein festes Jenseits der Erscheinungen anschaulich
fixieren."
Nun wünsche ich Ihnen noch viel Vergnügen mit den Figurationen der Vier
Frauen.