Zu den Arbeiten von Annette Kunow

von Rita Burrichter (1993)

Rede von Burrichter: Zu den Arbeiten von Annette Kunow Die Bilder von Annette Kunow bestechen durch Unmittelbarkeit und Direktheit. Vor hellfarbigen, nicht näher bestimmten Hintergründen agieren die Figuren "Family-Life ": hier wird gesprochen, geschrieen und nicht zughört. Umarmt, gehalten und weggestoßen. Gestraft, malträtiert und getröstet. Die Figurenkonstellation des "Vater-Mutter-Kind" ist denkbar einfach und ermöglicht doch die Vorführung komplexer Beziehungsdimensionen: von Fürsorge und Besitzanspruch, von Auflehnung und Unterordnung ist hier die Rede. Von Intimität und Distanz: von der alltäglichen Entfremdung in den Beziehungen derer, die man die Nächsten nennt-und die doch oft genug die Fernsten sind.
"Ich will Geschichten erzählen", sagt Annette Kunow in einem Gespräch. Und in der Tat entäußern sich ihre Figuren im Bild oft bis an die Grenze, ja buchstäblich über die Bildgrenze hinaus, die sie mit Körper und Gliedmaßen manches Mal überschneiden. Die Einfachheit der Körper, die Reduktion auf Kopf, Rumpf, Extremitäten in einer gewollt kindlichen, primitiven Manier, kommt der narrativen Intention entgegen. Hier geschieht alles ganz unmittelbar auf den Erzählduktus hin: Hände greifen, Füße stehen, Körper wenden sich zu oder ab, Münder schreien, Augen schauen, Ohren hören-oder auch nicht und werden darum langgezogen. So einfach ist das-oder so schwer.
Das Fehlen von Landschaft, Interieur und Requisit macht das Besondere des hier Erzählten aus. Das Besondere, das eigentlich ein Allgemeines ist. Denn die Geschichten in den Bildern von Annette Kunow werden zu Geschichten in den Köpfen derer, die die Bilder betrachten. Die Künstlerin verpflichtet uns nicht auf die Rekonstruktion von Ereignissen, die möglicherweise den Bildern zugrundeliegen. Bei aller Subjektivität sind ihre Werke offen und betrachtenden Aneigenungen und Deutungen zugänglich. So wie es Antoni Tàpies einmal formuliert hat:
"Der Sinn eines Werkes beruht auf der möglichen Mitarbeit des Betrachters. Es ist immer auf den mehr oder weniger vorbereiteten Geist dessen angewiesen, der es ansieht und darüber nachdenkt. Wer ohne innere Bilder lebt, ohne Imagination und ohne die Sensibilität, die man braucht, um im eigenen Inneren Gedanken und Gefühle zu assoziieren, wird gar nichts sehen."
Mit den "Familienbildern" hat Annette Kunow nach längerer Suche eine ganz eigene, eigenständige Handschrift gefunden. Kräftige, helle Farben, klar konturierte, einfache Figuren, die in spannungsvollen, aber nicht künstlich-komplizierten Kompositionen einander zugeordnet sind. Der Gestus des Farbauftrags wird stehengelassen. Der thematischen Aufarbeitung von Erfahrungen und Beziehungen korrespondiert die Arbeit am Bild: so benutzt die Künstlerin gern alte Bilder als Unterlage für neue. Und wie bei einem Palimpsest scheinen nicht selten Züge des alten im neuen auf. Verloren seien diese Bilder für die sie nicht, meint Annette Kunow. Und in der Tat: letztlich fügt sich alles zu einem Werk, dem Oeuvre zusammen, so wie sich einzelne Erfahrungen zur Lebenserfahrung verdichten.
Rein formale Analysen interessieren Annette Kunow nicht, ihre Werke leben vom Thema, so sagt sie selbst: "Meine Wünsche, meine Gefühle, das, was sich täglich erlebte, all das male ich." Ihre Malerei ist expressiv, emotional, leidenschaftlich, manchmal drastisch-satirisch.
In neueren Arbeiten wird die für sie so typische Figur einer radikalen malerischen Anverwandlung unterworfen. "Deine Figur muß erwachsen werden", so hatte ihr ein befreundete Künstler gesagt und so lösen sich nun die Bildgeschichten auf zugunsten einer intensivieren Beschäftigung mit der Ausdrucksfähigkeit von Form und Farbe. Das Leitmotiv Figuration wird dabei nicht aufgegeben, insbesondere die drei-und vierfingrige Hand der Figurenbilder taucht immer wieder auf, aber auch Kopf-und Körperformen, Augen und Münder stammen aus diesem Repertoire. Die Körperfragmente in diesem abstrahierenden Bildern wirken wie abgeführt, Abbreviaturen der Figur.
Die Künstlerin testet deren Beweglichkeit und ihren Standort in der zweidimensionalen Bildfläche aus. Sehr viel dichtere Zuordnungen sind nun möglich: Arme ragen unvermittelt aus Flächen empor, Körper vereinigen sich, Augen gewinnen an suggestiver Kraft, wo sie allein die als Gesicht vorgestellte Fläche beherrschen. Die Farbe verselbständigt sich. Trotz der Beibehaltung des einmal erarbeiteten Spektrums wird sie nun weniger als Lokalfarbe, sondern als Bedeutungsträgerin eingesetzt.
Die Tendenz, die Intention des Bildes weniger an das Motiv als an die künstlerischen Mittel zu binden, kann verstärkt noch einmal an den Aktstudien aus dem Jahr 1991 beobachtet werden. Diese Bilder fallen schon durch das Querformat, dann aber auch durch die für Annette Kunow ungewöhnliche Farbigkeit auf. Vorherrschend sind dunkle, gebrochene Töne, die vor allem in Rotbereich eine ganz eigenartige Strahlkraft haben. Aller harten Konturen sind verschwunden. Der dargestellte Körper entzieht sich einem ersten, bloß überfliegenden Blick. Die Bilder erfordern Sehgeduld. Im längeren Anschauen dann erschließt sich eine sehr hintergründige, sensible Auffassung von Körperlichkeit. Die Auseinandersetzung mit dem Thema "Akt" erfolgt in diesen Arbeiten rein malerischen, im Umgang mit Farbe und Form. Man kann sagen: der Körper ist Anlaß für Malerei. Dies ist ein Indiz dafür, daß Narrativität in der Bildenden Kunst nicht unbedingt an gegenständliche Motivfolgen gebunden ist.
Annette Kunow es als Künstlerin Autodidaktin. Dazu gäbe es manches zu sagen, mit einer historischen Einschätzung des sogenannten "weiblichen Dilletantismus" beginnend und bei der Vereinbarkeit von Beruf und Kunst endend. Die meisten solcher Randbemerkungen sind entbehrlich, denn sie würden lediglich die bundesdeutsche Fixierung auf Studienabschlüssse verstärken, die nicht nur in den Finanzämtern dazu führt, daß Künstlerin und Künstlern ihr Künstlersein abgesprochen wird. Auch Museen und Galerien sind auf die Absolventinnen und vor allem auf die Absolventen der Akademien und Fachhochschulen festgelegt und wissen die Arbeiten von Autodidakten lediglich als "Naive Kunst" zu schätzen. Ein geistig-künstlerisches Klima, daß die klassische und neuere Moderne, auf die sich die Kunst der Gegenwart bezieht, glatt verhindert hätte. Die institutionalisierte Avantgarde bringt einen ganz eigenen Traditionalismus hervor.
Wenn ich mir also erlaube, zum Abschluß einige Bemerkungen zu machen, die sich auf die auf die Autodidaktin Annette Kunow beziehen, so geschieht das unter der Voraussetzung ihrer Anerkennung als Künstlerin.
Beeindruckt haben mich vor allem zwei Dinge. Das eine ist eine eher formale Beobachtung: Annette Kunow beherrscht-und das kann man nicht von sehr vielen sagen-souverän das große und das kleine Format. So wie sie auf großen Leinwänden überzeugend Liebe und Lust, Einsamkeit und Schmerz in Figurenkonstellationen zum Ausdruck bringt, so gelingen ihr auch kleine Illustrationen, privateste malerische Aufzeichnungen oder strenge Strukturübungen im schwierigen, schmalen Hochformat. Sie ist dabei sicher in der Wahl der künstlerischen Mittel, detailverliebt, aber nicht pedantisch.
Die zweite Beobachtung bezieht sich auf die ungeheure Produktivität von Annette Kunow: Malerei ist für sie kein Hobby, keine entlastenden Freizeitbeschäftigung. Die Stetigkeit und Geradlinigkeit, mit der sich dieses Werk entwickelt, die Entfaltung des Themas zeigt, daß hier jemand künstlerisch etwas zu sagen hat. Die malerische Bewältigung existentieller Erfahrungen geht über eine im Gefälligen verbleibende Freude am Gestalten hinaus. Das, was sie zu sagen hat, ist in der Kunst als und neu zugleich: die Beziehungen zwischen Menschen, vor allem zwischen Mann und Frau, aus der Sicht einer intensiv lebenden und erlebenden Künstlerin.