von Ralf Kulschewskij (2006)
Am Ende sind es die Augen, immer wieder die Augen
dieser Figuren, dieser Köpfe, dieser Gesichter – faszinierende Augen,
die dem neugierigen Betrachter unversehens in seine eigenen Augen
fallen. Darauf war er wohl nicht gefasst, dass die Augen der gemalten
Gestalten ihn betrachten, geradezu ins Auge fassen. Denn anfangs
scheinen sie doch so gar nicht weiter an ihm interessiert, eine
„Unschuld vom Lande“, ein „Gefiederter Kopf“, die still vor sich hin
„Weinende Frau“ oder der menschengesichtige „Kakadou“.
Spätestens angesichts einer „Heart-Attack“ (gemalt im Jahr 2001) ist es
aber mit dem unverbindlichen Anschauen vorbei – das Herz, das
herzförmig dargestellte Antlitz offenbart unverhüllt und unverhohlen
seine Ambivalenz: wird hier ein akut erlittener Herz-Anfall
diagnostiziert oder hat man einen – wie auch immer gearteten: freund-
oder feindlichen – Angriff des Herzens zu erwarten? Ohne noch recht zu
wissen, was geschieht, sieht sich der Betrachter aus seiner Reserve
gelockt und zum Handeln veranlasst. Denn das Personal in den Bildern
vom Annette Kunow ist von vornherein dialogisch gestimmt – nur hat es
sein Gegenüber nicht sogleich bemerkt. Es ist aber so: nicht nur die
Menschen in den Gemälden, sonder auch ihre Betrachter befinden sich im
Visier. „Ich laß’ mich gern entdecken./ Doch,/ nimm die Brille ab“,
gesteht und verlangt im selben Atemzug die Künstlerin in einem
poetischen Text. Denn zwar: „Deine Augen betrachten mich/“, doch: „Was
soll ich Dir sagen/ Wenn Du Dich nicht zu erkennen gibst“? In dieser
Frage formuliert Annette Kunow den ursprünglichen, ursächlichen Impetus
ihrer Kunst.
Bei jedem Werk geht es der Künstlerin ebenso wie dem Betrachter. Sie
fängt ohne vorgefaßtes Bildprogramm, anscheinend völlig absichtslos
also, an zu malen, „aus reiner Freude an den frisch angerührten
Pigmenten“ (Kunow; das nennt der Kritiker ein genuines Handwerk!). Auf
grundierte Pappe beispielsweise, am Boden liegend, werden einige
Farbflächen aufgetragen, ein weiß gemischtes Bau etwa und das Braun von
irgendeinem Palettenrest. Bis sich aus dem amorphen Fleckengebilde
womöglich die Kontur eines Körpers zu erkennen gibt „oder etwas
Ähnliches“ (Kunow). Und nun beginnt die kreative Auseinandersetzung der
Malerin mit ihrem entstehenden Bild. Es wird aus dem Atelier in die
Wohnung transloziert – zur Beobachtung stationär wie ein Patient. Und
aus dem ständigen und oft unterbrochenen und stets wieder aufgenommenen
Anschauen entwickelt sich sukzessive eine Vorstellung von dem, was
potentiell in dem Gemälde steckt, was heraus gearbeitet und herauf
geholt werden könnte und – je nach Stimmung „von meditativ bis wütend“
– dann unter den malenden Händen und liebevoll kritischen Augen
tatsächlich an das Tageslicht tritt.
So sind die drei Figuren des Triptychons „Auch Vögel leben im
Morgenblau“ (1993) aus ganz unterschiedlichen Situationen heraus
geschaffen worden und gehören dank mehrerer innerbildlicher Bezüge
deutlich sichtbar zusammen. Noch mehr: die linke Tafel ließe sich sogar
an die rechte schließen, so dass durch verschiedene Konfiguration eine
jeweils neue Variante des Geschehens auftaucht, vielleicht sogar eine
komplett andere Geschichte sich ablesen und fortspinnen lässt: Der (in
der jetzigen Anordnung) rechte, gravitätisch aufgeblasene „Herr“ mit
seinem verdrehten Schöpsenhaupt, der linke großmäulig scharfzüngige
„Specht“ mit seinem frech ausgreifenden Langarm und die „Vogelscheuche
in er Mitten“ – die drei „schrägen Vögel“ können uns, im lustigsten und
übelsten Sinn es Wortes, wahrhaft „vormachen, was sie wollen“. Nur
ihren Charakter zu ändern (was in der Beobachtungsphase ja möglich
gewesen wäre), das geht – „wie bei echten Freunden“ (Kunow) – nunmehr
definitiv nicht.
Wie gesagt, die Zusammenstellung der mehrteilig begonnenen Bilder ist
nicht sakrosankt. Das Diptychon „Carnevale I“ (2004), das auf den
ersten, flüchtigen Blick einen munteren, titelgemäß angeheiterten
Eindruck macht, ist in Wahrheit als Reaktion auf einen traurigen Anlass
entstanden. Eine aufgekratzte männliche blaue Figur mit steiler
Mecky-Frisur und rund aufgesperrtem Sangesmund umfasst eine
grüngewandete weibliche Person mit gelb aufblühendem „Blumenkopf“, der
atmosphärisch aufgelöst sich kaum mit Kohlestift und schwarzem Pigment
in physiognomischen Konturen halten lässt. Ein begehrlicher Zugriff,
ein rotrandig „blümerantes“ und ein geschmeichelt beiseite gewendetes
Auge sind Ingredienzien der Ikonographie für verliebte Paare. Diese
zwei Menschen und diese beiden Bildtafeln gehören zusammen. Das
ursprünglich mitgeplante dritte Bild („Carnevale II“, 2004) mit dem
ganzflächigen hahnenkammgekrönten Großkopf, auch schon in einem ganz
anderen Duktus gemalt, wurde separiert ... Die narrativen Züge der drei
trotz allem ja gemeinsam konzipierten Bilder sind unverkennbar.
Eventuelle autobiogaphische Hintergründe deuten die
melancholisch-tapferen Zeilen „Meine Seele will.../ Sie wird.../“, die
die Künstlerin dem gemalten Werk beigegeben hat, mancherlei an.
„Meine Idee vom Zusammenleben“, schreibt Annette Kunow an anderer
Stelle, „von Partnerschaft ist sicher fiktiv,/ aber in den Bildern kann
ich sie realisieren.“ Und noch etwas deutlicher bezeichnet sie die
Porträts in ihrem Oeuvre als „mehr oder weniger Selbstbildnisse. Eine
der Figuren bin immer ich.“ Die Farben, die sie ab einem bestimmten
Stadium der Beobachtungsphase sehr bewusst wählt, und der ’mal
hektische, ’mal zarte, immer aber beherrscht und gekonnt angebrachte
Malgestus genügen ihr als Bildinhalte nicht. Sie besteht auf der
menschlichen Figur und erforscht mit unerbittlicher Strenge die Haltung
der Körper, die Mimik des Antlitzes, und bringt das Entdeckte mit
leidenschaftlicher Gestaltungsfreude ins Bild. Das mit heftigen
Strichen und Wischern gemalte (vor Eifersucht?) fahl-grüne Gesicht der
„Abrechnung mit dem Geliebten“ (2004); die weit geöffneten dunklen
Pupillen und der lächelnde rote Mund der ausrangierten Diva in „Lady
Macbeth singt nicht mehr“ (2004); die unendlich groß aufgerissenen
Augen und die ins unselig rot/grün-gemischte Kleid hoffnungslos
geschmiegte Wange einer „Melancholie der Liebe“ (ebenfalls im reichen
und reifen Schaffensjahr 2004) – diese unverkennbaren CoBrA- und Gruppe
Spur-Verwandten sind agierende Protagonisten einer tief empfundenen
Comédie humaine.
Leidende und Leid zufügende Menschen wie wir alle. Doch Annette Kunow
klagt nicht an, und sie denunziert nicht – sie zeigt. Ihre skurrilen
Bilder geraten nie zu Karikaturen. Auch in der kleinsten
Farbstiftzeichnung noch dominiert der Ernst, den sie ihre Geschöpfen in
den großformatigen Kunstharzgemälden widmet. Hinter jeder individuellen
Mimik und äußeren Gestik spürt man eine innere Erregung, die sich
impulsiv mitteilt und nachvollziehen lässt, ein gemeinsam-menschliches
Pathos. Doch was ihre ausdrucksstarken Gesichter von den deformierten
Physiognomien Francis Bacons unterscheidet, ist ein leise-wehmütiger
komischer Hauch. Ihre Personen wirken auf den einlässlichen Betrachter
nicht sofort, aber direkt; stets etwas verrätselt und darum nie
indezent oder gar brutal. Aufrichtig und fair führen sie ihre
Beweggründe mit ins Bild – nur muss der Betrachter nach ihnen fahnden.
Vor der unnahbar verschlossenen Miene der Opernhoheit im „Brief an die
Königin der Nacht“ (2006) wird das schwieriger sein als gegenüber der
staunend aufgereizten Jugendschönen unter dem bezeichnenden Titel
„Herzklopfen heißt das Spiel“ (2005).
Annette Kunows Personen posieren nie. Sie sind keine
Theater-Schauspieler – sie spielen immer im Leben sich selbst. Das
macht sie glaubhaft und wahr und ihre Verdrehungen und Verzerrungen als
Lebensspuren kenntlich. Allesamt erklärte Individualisten, waren sie
von Utopien getragen und von Illusionen erhoben – und in der allzu
(un)menschlichen Realität derb am Boden gelandet. Und sind prompt
wieder aufgestanden und behaupten sensibel aber couragiert, sanft aber
widerborstig, empfindlich aber unschlagbar, kiebig aber würdevoll ihr
Recht. Sie besitzen den Anstand, nicht zu jammern. Mit ungetrübtem
Blick erzählen sie von der lustvollen Sisyphosarbeit des Seins. Der
Betrachter sehe ihnen in die Augen – sie schauen geradewegs zurück.