Zu den Arbeiten von Annette Kunow von Prof. Dr. Rita Burrichter
Die Bilder von Annette Kunow bestechen durch
Unmittelbarkeit und Direktheit. Vor hellfarbigen, nicht näher
bestimmten Hintergründen agieren die Figuren "Family- Life ": hier wird
gesprochen, geschrieen und nicht zugehört. Umarmt, gehalten und
weggestoßen. Gestraft, malträtiert und getröstet. Die
Figurenkonstellation des "Vater- Mutter- Kind" ist denkbar einfach und
ermöglicht doch die Vorführung komplexer Beziehungsdimensionen: von
Fürsorge und Besitzanspruch, von Auflehnung und Unterordnung ist hier
die Rede. Von Intimität und Distanz: von der alltäglichen Entfremdung
in den Beziehungen derer, die man die Nächsten nennt- und die doch oft
genug die Fernsten sind.
"Ich will Geschichten erzählen", sagt Annette Kunow in einem Gespräch.
Und in der Tat entäußern sich ihre Figuren im Bild oft bis an die
Grenze, ja buchstäblich über die Bildgrenze hinaus, die sie mit Körper
und Gliedmaßen manches Mal überschneiden. Die Einfachheit der Körper,
die Reduktion auf Kopf, Rumpf, Extremitäten in einer gewollt
kindlichen, primitiven Manier, kommt der narrativen Intention entgegen.
Hier geschieht alles ganz unmittelbar auf den Erzählduktus hin: Hände
greifen, Füße stehen, Körper wenden sich zu oder ab, Münder schreien,
Augen schauen, Ohren hören- oder auch nicht und werden darum lang
gezogen. So einfach ist das- oder so schwer.
Das Fehlen von Landschaft, Interieur und Requisit macht das Besondere
des hier Erzählten aus. Das Besondere, das eigentlich ein Allgemeines
ist. Denn die Geschichten in den Bildern von Annette Kunow werden zu
Geschichten in den Köpfen derer, die die Bilder betrachten. Die
Künstlerin verpflichtet uns nicht auf die Rekonstruktion von
Ereignissen, die möglicherweise den Bildern zugrunde liegen. Bei aller
Subjektivität sind ihre Werke offen und betrachtenden Aneignungen und
Deutungen zugänglich. So wie es Antoni Tàpies einmal formuliert
hat:"Der Sinn eines Werkes beruht auf der möglichen Mitarbeit des
Betrachters. Es ist immer auf den mehr oder weniger vorbereiteten Geist
dessen angewiesen, der es ansieht und darüber nachdenkt. Wer ohne
innere Bilder lebt, ohne Imagination und ohne die Sensibilität, die man
braucht, um im eigenen Inneren Gedanken und Gefühle zu assoziieren,
wird gar nichts sehen."
Mit den "Familienbildern" hat Annette Kunow nach längerer Suche eine
ganz eigene, eigenständige Handschrift gefunden. Kräftige, helle
Farben, klar konturierte, einfache Figuren, die in spannungsvollen,
aber nicht künstlich- komplizierten Kompositionen einander zugeordnet
sind. Der Gestus des Farbauftrags wird stehengelassen. Der thematischen
Aufarbeitung von Erfahrungen und Beziehungen korrespondiert die Arbeit
am Bild: so benutzt die Künstlerin gern alte Bilder als Unterlage für
neue. Und wie bei einem Palimpsest scheinen nicht selten Züge des alten
im neuen auf. Verloren seien diese Bilder für die sie nicht, meint
Annette Kunow. Und in der Tat: letztlich fügt sich zweidimensionalen
Bildfläche aus. Sehr viel dichtere Zuordnungen sind nun möglich: Arme
ragen unvermittelt aus Flächen empor, Körper vereinigen sich, Augen
gewinnen an suggestiver Kraft, wo sie allein die als Gesicht
vorgestellte Fläche beherrschen. Die Farbe verselbständigt sich. Trotz
der Beibehaltung des einmal erarbeiteten Spektrums wird sie nun weniger
als Lokalfarbe, sondern als Bedeutungsträgerin eingesetzt.
Annette Kunow es als Künstlerin Autodidaktin. Dazu gäbe es manches zu
sagen, mit einer historischen Einschätzung des so genannten "weiblichen
Dilletantismus" beginnend und bei der Vereinbarkeit von Beruf und Kunst
endend. Die meisten solcher Randbemerkungen sind entbehrlich, denn sie
würden lediglich die bundesdeutsche Fixierung auf Studienabschlüsse
verstärken, die nicht nur in den Finanzämtern dazu führt, daß
Künstlerin und Künstlern ihr Künstlersein abgesprochen wird. Auch
Museen und Galerien sind auf die Absolventinnen und vor allem auf die
Absolventen der Akademien und Fachhochschulen festgelegt und wissen die
Arbeiten von Autodidakten lediglich als "Naive Kunst" zu schätzen. Ein
geistig-künstlerisches Klima, daß die klassische und neuere Moderne,
auf die sich die Kunst der Gegenwart bezieht, glatt verhindert hätte.
Die institutionalisierte Avantgarde bringt einen ganz eigenen
Traditionalismus hervor.
Wenn ich mir also erlaube, zum Abschluss einige Bemerkungen zu machen,
die sich auf die auf die Autodidaktin Annette Kunow beziehen, so
geschieht das unter der Voraussetzung ihrer Anerkennung als Künstlerin.
Beeindruckt haben mich vor allem zwei Dinge. Das eine ist eine eher
formale Beobachtung: Annette Kunow beherrscht- und das kann man nicht
von sehr vielen sagen-souverän das große und das kleine Format. So wie
sie auf großen Leinwänden überzeugend Liebe und Lust, Einsamkeit und
Schmerz in Figurenkonstellationen zum Ausdruck bringt, so gelingen ihr
auch kleine Illustrationen, privateste malerische Aufzeichnungen oder
strenge Strukturübungen im schwierigen, schmalen Hochformat. Sie ist
dabei sicher in der Wahl der künstlerischen Mittel, detailverliebt,
aber nicht pedantisch.
Die zweite Beobachtung bezieht sich auf die ungeheure Produktivität von
Annette Kunow: Malerei ist für sie kein Hobby, keine entlastenden
Freizeitbeschäftigung. Die Stetigkeit und Geradlinigkeit, mit der sich
dieses Werk entwickelt, die Entfaltung des Themas zeigt, dass hier
jemand künstlerisch etwas zu sagen hat. Die malerische Bewältigung
existentieller Erfahrungen geht über eine im Gefälligen verbleibende
Freude am Gestalten hinaus.
Das, was sie zu sagen hat, ist in der Kunst als und neu zugleich: die
Beziehungen zwischen Menschen, vor allem zwischen Mann und Frau, aus
der Sicht einer intensiv lebenden und erlebenden Künstlerin.